Auto-Brewery-Syndrom (ABS): Wenn der Darm Alkohol produziert
Wenn jemand lallend durch die Gassen zieht, heißt es sofort, dass er zu viel getrunken hat.
Was aber, wenn die Person gar kein Glas Alkohol zu sich genommen hat?
Was, wenn sie ohne eigenes Verschulden betrunken ist?
Beim Auto-Brewery-Syndrom entwickeln Betroffene messbare Blutalkoholwerte, obwohl sie keinen Alkohol konsumiert haben. In der hier diskutierten Studie stehen nicht Hefen im Vordergrund, sondern ein funktionell verändertes Darmmikrobiom, das bestimmte Stoffwechselwege aktiviert und dadurch Ethanol produziert.
Dabei ist weniger die konkrete Zusammensetzung des Darmmikrobioms entscheidend, sondern das einzigartige biochemische Zusammenwirken der Mikroorganismen. Unter bestimmten Bedingungen, etwa bei hoher Verfügbarkeit von Kohlenhydraten, kann im Darm Alkohol entstehen. Das Syndrom ist selten und klar vom klassischen Alkoholkonsum zu unterscheiden. Dennoch werden Betroffene häufig stigmatisiert.

Was wurde gemacht?
Untersucht wurde eine Beobachtungsstudie mit
- 22 Patienten mit Auto-Brewery-Syndrom
- 21 nicht betroffenen Haushaltspartnern als Kontrollgruppe
Es handelt sich um einen klassischen Multiomics-Ansatz.
Durchgeführt wurden:
- Messung der Ethanolproduktion aus Stuhlproben
- Analyse der mikrobiellen Zusammensetzung sowie funktioneller Gene mit Fokus auf ethanolrelevante Stoffwechselwege
- Messung zentraler Metaboliten, darunter kurzkettige Fettsäuren, und Korrelation mit Blutalkoholwerten
- Fäkale Mikrobiota-Transplantation bei einem Patienten mit anschließender Therapiebeobachtung
Warum ist das Auto-Brewery-Syndrom gefährlich?
Das Auto-Brewery-Syndrom (ABS) ist gefährlich, da es zu einer unkontrollierten und oft unbemerkten Produktion von Ethanol im Darm führt, was sowohl medizinische als auch soziale und rechtliche Risiken birgt.
A. Körperliche Gesundheit und Organschäden
1. Leberschäden: Die ständige Belastung durch endogen produzierten Alkohol führt zu Leberverletzungen, die sich in erhöhten Werten für Alanin-Transaminase (ALT), Aspartat-Transaminase (AST), alkalische Phosphatase (AP) und Gesamtbilirubin äußern.
2. Zirrhose: In schweren Fällen kann die chronische Alkoholbelastung durch das Mikrobiom zu einer Leberzirrhose führen.
3. Stoffwechselerkrankungen: Pathologische Ethanolproduktion im Darm wird mit der Entstehung von stoffwechselbedingten steatotischen
Lebererkrankungen (MASLD) in Verbindung gebracht. Noch nicht gesichert.
4. Neuro-psychiatrische Symptome: Patienten leiden unter extremer Schläfrigkeit und Wesensveränderungen wie potenziell erhöhter Angriffslust.
B. Gefahren im Alltag und rechtliche Risiken
1. Hohe Blutalkoholkonzentration (BAK): Während akuter Schübe („Flares“) wurden durchschnittliche BAK-Werte von 136 +/- 82 mg/dl gemessen, was deutlich über dem US-Grenzwert für die Fahrtüchtigkeit (80 mg/dl) liegt.
2. Rechtliche Probleme: Wie bei einer Alkoholsuchterkrankung erfahren Betroffene oft schwerwiegende rechtliche Konsequenzen, beispielsweise durch Alkohol am Steuer, ohne jemals getrunken zu haben.
3. Unvorhersehbare Intoxikation: Da der Alkohol spontan durch die Fermentation von Kohlenhydraten im Darm entsteht, tritt die Berauschung oft völlig unerwartet ein.
C. Soziale Stigmatisierung und Fehldiagnosen
1. Verdacht auf heimliches Trinken: Viele Patienten werden von Ärzten oder dem sozialen Umfeld fälschlicherweise als „heimliche Trinker“ abgestempelt und nicht ernst genommen.
2. Diagnosehürden: Die Diagnose ist extrem ressourcenintensiv und oft nicht leicht zugänglich oder durch Versicherungen gedeckt, was dazu führt, dass viele Betroffene über lange Zeit ohne Hilfe bleiben.
3. Belastung des Umfelds: Die Krankheit führt zu ernsthaften familiären und sozialen Problemen, die mit den Auswirkungen einer Alkoholsuchterkrankung vergleichbar sind.
Was bedeutet das?
Die Studie liefert starke Hinweise darauf, dass das Auto-Brewery-Syndrom in dieser Kohorte primär mit bakteriellen Stoffwechselwegen assoziiert ist. Entgegen früherer Annahmen spielten Hefepilze hier keine dominante Rolle.
Zentrale Beobachtungen:
- Die Produktion von Ethanol war funktionell messbar
- Der Fokus lag auf der Pathway-Ebene, nicht auf einzelnen Arten
- Mikrobieller Stoffwechsel korrelierte mit Blutalkoholwerten
- Neben Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae wurden auch weitere Taxa, darunter Ruminococcus gnavus, während akuter Schübe angereichert, ohne dass deren direkte Rolle an der Ethanolproduktion abschließend geklärt ist
Hier zeigt sich deutlich: Reine Sequenzdaten erzählen noch keine Geschichte. Erst der Blick in die mikrobielle Realität inklusive des Stoffwechsels offenbart die Wahrheit.
Nicht jede Anreicherung von Proteobakterien führte zur Ethanolproduktion. Erst die Kombination aus Substratverfügbarkeit, Enzymausstattung und mikrobieller Gemeinschaftsdynamik erzeugt den beobachteten Effekt.
Zusätzlich zeigte sich, dass bei Auto-Brewery-Syndrom Patienten Acetat im Stuhl signifikant erhöht war und stark mit der Blutalkoholkonzentration korrelierte. Acetat ist ein zentrales Stoffwechselprodukt im Ethanolmetabolismus.
Der Fokus liegt damit klar auf dem mikrobiellen Ökosystem.

Welche Auswirkungen wird das eines Tages haben können?
Da in dieser Studie bakterielle Stoffwechselwege eine zentrale Rolle spielten, eröffnet sich perspektivisch die Möglichkeit gezielterer therapeutischer Ansätze.
In der Studie wurde ein Patient einer FMT (fäkale Mikrobiota-Transplantation) Behandlung unterzogen, mit einer klaren anschließenden klinischen Besserung.
Langfristig könnte sich die Behandlung des Auto-Brewery-Syndroms wegbewegen von pauschalen Eingriffen wie unspezifischer Antibiotikagabe hin zu gezielten Modulationen mikrobieller Stoffwechselwege und Interaktionen.
Entscheidend ist dabei die Kombination aus ökologischer Einordnung und funktioneller Analyse. Diese liefert Erkenntnisse, die reine Sequenzdaten nicht liefern können.
In Zukunft werden bei Analysen des Mikrobioms verstärkt holistische Betrachtungsweisen in den Vordergrund gestellt. Das Verständnis des Gesamtsystems wird zunehmend notwendig.
Quelle:
Hsu, C. L. et al. Gut microbial ethanol metabolism contributes to auto-brewery syndrome in an observational cohort. Nature Microbiology, 2026. DOI: 10.1038/s41564-025-02225-y
Das Wichtigste auf einen Blick
- Das Auto-Brewery-Syndrom kann wahrscheinlich auch von Proteobakterien verursacht werden und nicht nur von Hefen. In dieser Studie war tatsächlich eine funktionelle Anreicherung proteobakterieller Stoffwechselwege mit dem Phänotyp assoziiert.
- Das Verständnis mikrobieller Ökologie ist notwendig, um komplexe Phänotypen wie ABS zu erklären.
- Zukünftig könnten ABS-Patienten gezielter und funktionell orientiert behandelt werden.


