{"id":4869,"date":"2024-07-26T20:04:22","date_gmt":"2024-07-26T18:04:22","guid":{"rendered":"https:\/\/bacteria.de\/?p=4869"},"modified":"2026-02-18T15:36:13","modified_gmt":"2026-02-18T14:36:13","slug":"mundwasser-und-mikrobiom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bacteria.de\/de\/alltagsprodukte\/mundwasser-und-mikrobiom\/","title":{"rendered":"Mundwasser im Kreuzfeuer"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-die-versteckten-risiken-und-die-besseren-alternativen\">Die versteckten Risiken und die besseren Alternativen<\/h2>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>In den letzten Jahren ist das Bewusstsein f\u00fcr die Bedeutung des Mikrobioms in unserem K\u00f6rper deutlich gestiegen. Dennoch greifen viele Menschen weiterhin zu Produkten und Methoden, die eher sch\u00e4dlich als hilfreich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein prominentes Beispiel hierf\u00fcr ist die Nutzung von alkoholhaltigen Mundsp\u00fclungen, die darauf abzielen, Bakterien im Mundraum zu eliminieren. Eine neue Studie zeigt nun auf, dass die t\u00e4gliche Verwendung eines Mundwassers wie Listerine sch\u00e4dliche Effekte auf das Mikrobiom im Mund und die Gesundheit haben kann.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<details class=\"wp-block-details is-layout-flow wp-block-details-is-layout-flow\"><summary><strong>Inhaltsverzeichnis<\/strong><\/summary>\n<div class=\"wp-block-rank-math-toc-block\" id=\"rank-math-toc\"><nav><ul><li class=\"\"><a href=\"#h-die-versteckten-risiken-und-die-besseren-alternativen\">Die versteckten Risiken und die besseren Alternativen<\/a><\/li><li class=\"\"><a href=\"#h-die-wurzel-des-problems-angst-vor-bakterien\">Die Wurzel des Problems: Angst vor Bakterien<\/a><\/li><li class=\"\"><a href=\"#h-der-fehlgriff-zur-sterilisation\">Der Fehlgriff zur Sterilisation<\/a><\/li><li class=\"\"><a href=\"#h-wissenschaftliche-erkenntnisse-zu-mundwassern-und-dem-mikrobiom\">Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Mundw\u00e4ssern und dem Mikrobiom<\/a><\/li><li class=\"\"><a href=\"#h-die-bessere-alternative-forderung-eines-gesunden-mikrobioms\">Die bessere Alternative: F\u00f6rderung eines gesunden Mikrobioms<\/a><\/li><li class=\"\"><a href=\"#h-ein-paradigmenwechsel\">Ein Paradigmenwechsel<\/a><\/li><\/ul><\/nav><\/div>\n<\/details>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-die-wurzel-des-problems-angst-vor-bakterien\">Die Wurzel des Problems: Angst vor Bakterien<\/h2>\n\n\n\n<p>Unsere Gesellschaft ist grunds\u00e4tzlich skeptisch gegen\u00fcber Bakterien. Von fr\u00fchester Kindheit an wird uns beigebracht, dass wir uns die H\u00e4nde waschen m\u00fcssen, dass wir nicht im Dreck spielen d\u00fcrfen und dass wir keine schmutzigen Sachen anziehen oder in den Mund stecken sollen. Kurz: Bakterien sind die Verursacher von Krankheiten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn wir wissen, dass sich die wissenschaftlichen Grundlagen f\u00fcr diese Aussagen vollkommen ge\u00e4ndert haben, so ist diese fr\u00fcheste Pr\u00e4gung immer noch in uns vorhanden. Unsere Nervenbahnen sind darauf ausgerichtet, alle kontr\u00e4ren Botschaften dazu eher zu negieren. Dies ist jedoch auch evolutionsbedingt. In der Steinzeit, im t\u00e4glichen Kampf ums \u00dcberleben, war es wichtig, dass wir eine Abneigung gegen verfaulte Sachen entwickelten. Auch wenn der Urmensch damals noch nicht wusste, was Bakterien sind, so war eine grunds\u00e4tzliche Abneigung gegen alles, was Anzeichen f\u00fcr bakteriellen Bewuchs aufwies, eher lebensverl\u00e4ngernd. Dies hat sich bis heute in den Genen festgesetzt und zeigt sich bei manchen Menschen in der Trypophobie \u2013 der Angst vor unregelm\u00e4\u00dfigen Gebilden, wie einer Gruppe von verschiedenen kleinen L\u00f6chern. Diese L\u00f6cher wurden in der Steinzeit unbewusst als Symptom f\u00fcr z. B. infekti\u00f6se Hautkrankheiten wahrgenommen, und Menschen, Tiere oder Nahrung dadurch vermieden.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-der-fehlgriff-zur-sterilisation\">Der Fehlgriff zur Sterilisation<\/h2>\n\n\n\n<p>Doch heutzutage sind, dank prall gef\u00fcllter Superm\u00e4rkte, einer modernen Abwasserkanalisation, fortschrittlicher Medizin sowie anderer Errungenschaften der modernen Zivilisation, der t\u00e4gliche Kontakt mit infekti\u00f6sen Gebilden eher selten. Und wie immer schl\u00e4gt das Pendel dadurch zu weit aus: Wir kombinieren unsere Ur-\u00c4ngste mit dem Wissen \u00fcber das Vorhandensein von Bakterien und projizieren unsere Bef\u00fcrchtungen auf die Mikroorganismen. Ein fataler Fehler.<\/p>\n\n\n\n<p>So konzentrieren wir uns eher darauf, Bakterien zu vernichten, <a href=\"https:\/\/bacteria.de\/allgemein\/wir-sind-bakterien\/\">als Bakterienwachstum zu f\u00f6rdern<\/a>. Mundw\u00e4sser sind ein typisches Beispiel daf\u00fcr. Nur die wenigsten Menschen w\u00fcrden sagen, dass sie versuchen, das Wachstum der Bakterien in ihrem Mund zu f\u00f6rdern. Stattdessen wollen sie die \u201eb\u00f6sen\u201c Bakterien vernichten, indem mit einer alkoholischen L\u00f6sung, einem Mundwasser, gesp\u00fclt wird. Aber das ist genau der falsche Weg!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-wissenschaftliche-erkenntnisse-zu-mundwassern-und-dem-mikrobiom\">Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Mundw\u00e4ssern und dem Mikrobiom<\/h2>\n\n\n\n<p>Eine Studie der Medizinischen Fakult\u00e4t in Antwerpen, ver\u00f6ffentlicht im Journal of Medical Microbiology, untersuchte die Auswirkungen einer t\u00e4glichen Anwendung des Mundwassers Listerine Cool Mint auf die Mundflora der Teilnehmer. Wenig \u00fcberraschend ver\u00e4nderte die alkoholische L\u00f6sung die Zusammensetzung der Bakterien. Dabei wurden jedoch prim\u00e4r <a href=\"https:\/\/bacteria.de\/allgemein\/bakterien-sind-gut\/\">\u201egute\u201c Bakterien<\/a> abget\u00f6tet und es konnten sich vermehrt orale opportunistische Bakterien festsetzen, also Mikroorganismen, die in einem normalen, alkoholfreien Milieu keine Chance gehabt h\u00e4tten zu \u00fcberleben. Interessanterweise konnten sich besonders zwei Bakterienarten besonders durchsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Streptococcus anginosus<\/em>, welche bekannt daf\u00fcr sind, die oberen Atemwege zu besiedeln und neben Parodontose und Karies auch Abszesse verursachen. Zudem treten sie vermehrt bei Menschen auf, die Magen- oder Speiser\u00f6hrenkrebs haben. Dabei ist jedoch unklar, ob diese Bakterien den Krebs verursachen oder nur gef\u00f6rdert werden \u2013 ein typisches Problem der medizinischen Mikrobiologie, zwischen cause und effect, Ursache oder Wirkung, zu unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls vermehrt vorhanden bei den Patienten mit regelm\u00e4\u00dfiger Mundwasser Listerine-Sp\u00fclung war <em>Fusobacterium nucleatum<\/em>, ein Bakterium, welches Parodontitis f\u00f6rdert und vermehrt im Zahnbelag vorhanden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn die Studie mit 59 Teilnehmern relativ klein war, so zeigt sich die Tendenz, dass bewusstes Sterilisieren in der Regel die falsche Vorgehensweise ist. Anstelle zu versuchen, Bakterien im Mundraum zu vernichten, sollte versucht werden, das Wachstum von positiven Bakterien zu f\u00f6rdern, damit diese wiederum die Zunahme von \u201eschlechten und krankmachenden\u201c Bakterien verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar gilt diese Empfehlung grunds\u00e4tzlich f\u00fcr alkoholhaltige Mundw\u00e4sser. Aber auch nicht alkoholhaltige Mundw\u00e4sser sind ein Eingriff in die nat\u00fcrliche Zusammensetzung des Mikrobioms im Mund.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-die-bessere-alternative-forderung-eines-gesunden-mikrobioms\">Die bessere Alternative: F\u00f6rderung eines gesunden Mikrobioms<\/h2>\n\n\n\n<p>Statt auf Sterilisation zu setzen, sollten wir Ma\u00dfnahmen ergreifen, die das Wachstum und die Vielfalt gesunder Bakterien f\u00f6rdern. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/bacteria.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/woman-blinking-eye-1-1024x682.jpg\" alt=\"Ein gesundes Mikrobiom im Mund - ganz ohne Mundwasser.\" class=\"wp-image-4877\" srcset=\"https:\/\/bacteria.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/woman-blinking-eye-1-980x653.jpg 980w, https:\/\/bacteria.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/woman-blinking-eye-1-480x320.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1024px, 100vw\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Hier sind einige Empfehlungen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gesunde Ern\u00e4hrung:<\/strong><br>Eine ausgewogene Ern\u00e4hrung, reich an Obst und Gem\u00fcse, kann helfen, das Mundmikrobiom zu unterst\u00fctzen. Insbesondere gr\u00fcnes Gem\u00fcse hat entz\u00fcndungshemmende Eigenschaften, die f\u00fcr die Mundgesundheit von Vorteil sind. Auch K\u00e4se kann den Speichelfluss anregen und Karies vorbeugen. \u200b\u200b<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Richtige Zahnhygiene:<\/strong><br>Regelm\u00e4\u00dfiges Z\u00e4hneputzen (mindestens 2x t\u00e4glich) und die Verwendung von Zahnseide (ebenfalls morgens und abends) sind entscheidend. Entz\u00fcndete Stellen k\u00f6nnen lokal mit entz\u00fcndungshemmenden Mitteln betupft werden. Eine gro\u00dffl\u00e4chige Anwendung sollte jedoch vermieden werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Probiotika:<\/strong><br>Der Einsatz von Probiotika, die speziell f\u00fcr die Mundgesundheit entwickelt wurden, kann prinzipiell helfen, die n\u00fctzlichen Bakterien im Mund zu f\u00f6rdern und ein gesundes Gleichgewicht wiederherzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vermeidung von Zucker:<\/strong><br>Zucker ist Gift. Nicht nur f\u00fcr unser Mundmikrobiom, sondern f\u00fcr den gesamten K\u00f6rper. Dabei geht es in erster Linie um den raffinierten, den einfachen Zucker, der in S\u00fc\u00dfigkeiten und wei\u00dfem Brot enthalten ist. Eine Reduktion des Zuckerkonsums tr\u00e4gt dazu bei, das Wachstum der negativen Bakterien zu hemmen und die Gesundheit des Mundmikrobioms zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-ein-paradigmenwechsel\">Ein Paradigmenwechsel<\/h2>\n\n\n\n<p>Um die Gesundheit unseres Mundes langfristig zu sichern, m\u00fcssen wir einen Paradigmenwechsel in unserer Herangehensweise an die Zahnhygiene vollziehen. Statt auf Sterilisation zu setzen, sollten wir Ma\u00dfnahmen ergreifen, die das Wachstum und die Vielfalt gesunder Bakterien f\u00f6rdern. Dies erfordert ein Umdenken und eine Abkehr von traditionellen, aber \u00fcberholten Methoden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gesunder Mund wird nicht durch die Eliminierung aller Bakterien erreicht, sondern durch die F\u00f6rderung einer ausgewogenen und vielf\u00e4ltigen Mikrobiota. Dies erfordert Geduld, Wissen und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Doch die Belohnung ist nicht nur ein Mund, der frei von Krankheiten ist, sondern auch ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem gesunden K\u00f6rper. (JS)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Weiterf\u00fchrende Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Laumen, J.G.E., Van Dijck, C., Manoharan-Basil, S.S., de Block, T., Abdellati, S., Xavier, B.B., Malhotra-Kumar, S., &amp; Kenyon, C. (2024). The effect of daily usage of Listerine Cool Mint mouthwash on the oropharyngeal microbiome: a substudy of the PReGo trial. <em>Journal of Medical Microbiology<\/em>, 73(6). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1099\/jmm.0.001830\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/doi.org\/10.1099\/jmm.0.001830<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alkoholhaltige Mundsp\u00fclungen werden oft und gern f\u00fcr \u201cein besseres Gef\u00fchl\u201d im Mund zu bekommen. Doch ist deren Einsatz wirklich empfehlenswert?<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":4886,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"off","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[82],"tags":[90,66,110,109,108],"class_list":["post-4869","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-alltagsprodukte","tag-bakterien","tag-mikrobiom","tag-mund","tag-mundmikrobiom","tag-mundwasser"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bacteria.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4869","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bacteria.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bacteria.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bacteria.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bacteria.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4869"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/bacteria.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4869\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7667,"href":"https:\/\/bacteria.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4869\/revisions\/7667"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bacteria.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4886"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bacteria.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4869"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bacteria.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4869"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bacteria.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4869"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}